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Ruf der Freiheit

Ruf der Freiheit
Huffington Post 7.7.2009
 
Kürzlich besuchte ich die lebhafte, schöne Stadt Berlin. Es war mein erster Besuch, und im Gepäck hatte ich, was das Wort „Berlin“ für mich bedeutet hat. Nach meiner Ansicht ist Berlin eine Stadt, die im Zentrum von Extremen gelebt hat.
 

In den 30er Jahren war es die Hauptstadt hedonistischer Erfüllung. In den 40ern war es das Zentrum der teuflischen Errichtung der neuen Weltordnung des Dritten Reichs durch Hitler und seine Nazi-Gefolgsleute. In den 50ern und 60ern war Berlin Brennpunkt der Pattsituation im Kalten Krieg zwischen Russland und den Verbündeten der USA, angefüllt von den Intrigen John le Carrés.

 

Und schließlich, 1989, als die abscheuliche Betonwand, die Ost und West trennte begann niedergerissen zu werden, wurde es zu einem Zeugnis für die  
letztliche Uneingrenzbarkeit von Freiheit. Eine symbolische Stadt in unserer kollektiven Geschichte, und ein starker Mythos in meinem eigenen Gedächtnis.

 

Als Eli und ich durch die Stadt mit ihren vielen schönen Bäumen noch bestehenden eleganten Gebäuden aus der Vorkriegszeit liefen, entdeckten wir, dass an einigen Stellen noch Teile der Mauer stehen, vielleicht als Mahnmale der Geschichte. Natürlich ist die Mauer ein Mahnmal der Geschichte Berlins, aber auch der Geschichte aller Länder und Individuen.


In uns ist ein Ruf zur Freiheit lebendig. Er verlangt nach der Ausdehnung von Verstand und Geist, damit wir entdecken können, was nicht an Konzepte, die sich in der Vergangenheit gebildet haben, gebunden ist. Es erlaubt kreatives Erforschen über unsere mentalen Grenzen hinaus. Und während politische und soziale Freiheit entschlossen und überall unterstützt werden sollte, ist die Freiheit unseres eigenen Geistes nicht beschnitten durch Unterdrückung von außen. Der Geist der Erforschung und Entdeckung ist still und hat keine Form, die äußerlicher Regulierung oder Beschränkung unterworfen werden kann. Dennoch sind die Kräfte, die wir in der Geschichte wirken sehen, auch in den Gedankenprozessen unseres eigenen Verstandes am Werk.

 
Der Aufruhr im Iran bestätigt zweierlei, sowohl die Macht des universellen Rufs zur Freiheit, als auch die unterdrückenden Kräfte, die entfesselt werden, wenn dieser Ruf den Status Quo bedroht. In unserem Verstand ist ein  ebensolcher Status Quo, wie in den Regierungen der Welt.

 

Der Ruf der Freiheit stößt gewöhnlich zunächst auf unsere eigenen mentalen Tendenzen zu repressiven Beschränkungen. Mögen wir auch im tiefsten Sinne zur Freiheit gerufen werden, widerstehen wir dennoch diesem Ruf  wegen unserer eigenen mentalen inneren Wächter und Zensoren. Unsere Angst vor dem Unbekannten kann unseren schöpferischen, freien Impuls uns aufzuschwingen in Ketten legen. Wir errichten imaginäre Trennmauern, um zu kontrollieren, was hinein- und hinausgelangen darf und um anschließend genau gegen diese Mauern anzuschreien.

 

Zu oft ersetzen wir wahrhaftes Hinterfragen durch Zweifeln und werden dann von Selbst-Zweifeln geplagt. Wir legen lieber fest, was wir fühlen oder denken sollten, statt einfach zu entdecken, was wir fühlen und denken. Wir suchen eher nach Menschen, die uns lieben, statt unsere Freiheit auszuüben, grenzenlos zu lieben. Wir versuchen zu sein, wer wir unserer Meinung nach sein sollten, anstatt zu entdecken, wer wir wirklich sind.

 

Mit der Bereitwilligkeit, unsere repressiven Tendenzen zu sehen, können wir auch erkennen, dass keine Mauer – ob aus Beton oder imaginär – den Drang nach Freiheit endgültig im Zaum halten kann. Wir können uns dafür entscheiden, die Gedankenschleifen zu ignorieren, die versuchen, uns definierbar und klein zu halten. Wenn wir uns weigern, uns weiter dem Diktat einschränkender Gedanken zu beugen, haben wir die notwendige Aufmerksamkeit der Angst direkt zu begegnen. Indem wir der Angst direkt begegnen, entdecken wir, dass sie keine wirkliche Substanz hat. Wir haben die Kapazität, unseren Verstand dem Unbekannten zu öffnen. Ein offener Verstand ist frei.

 

Und wir können sehen, dass Freiheit von Körper, Verstand und Geist Wachsamkeit erfordert. Die Kraft, die innerhalb unseres eigenen Verstandes oder gegenüber Anderen Trennmauern errichtet, erfordert eine spezielle Sorte von Gedanken – Gedanken der Kontrolle, zu Schutzmaßnahmen und Bestrafung. Wenn wir dem Ruf der Freiheit erlauben in uns aufzusteigen, durchdringt er jegliche Gedanken mit seinem Versprechen und seiner Offenbarung der grenzenlosen Weite des Verstandes.

 

Letztlich fiel die Berliner Mauer dadurch, dass die, die sie erbaut und aufrechterhalten hatten, erkannten, wie zerstörerisch sie für die Bevölkerung war. Die Mauer wurde gewaltlos eingerissen - eine Zeit des Zelebrierens. Kein Krieg war notwendig, keine Leben wurden verloren.

 

Genauso ist in unserem eigenen Verstand kein Krieg gegen uns selbst notwendig um unsere repressiven Gedanken zu stoppen. Wenn wir uns selbst die Wahrheit sagen, erkennen wir, dass unsere Schutzmauern, unsere Mauern der Zurückhaltung und der Bestrafung uns nicht dienen.
Wenn wir uns allem in uns öffnen, statt in die guten und schlechten Teile zu unterteilen, entdecken wir den offenen Verstand, welcher ganzheitlich, frei und vollständig ist.

 

Es dauerte eine Zeit für die Berliner Mauer durchbrochen zu werden; wie viel Zeit braucht es für eine imaginäre, mentale Wand zu fallen.  

 

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